Bericht über die XXVII. Königswinterer Tagung

Tagungsthema:
Das Vermächtnis ist noch in Wirksamkeit, die Verpflichtung noch nicht eingelöst." -

Der Widerstand gegen das ‚Dritte Reich‘ in Öffentlichkeit und Forschung seit 1945


Ein Bericht von Gabriel Rolfes, Christian Günther, Dennis Sennekamp, Institut für Geschichtswissenschaft, Abteilung für Geschichte der Neuzeit, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.


Theodor Heuss prägte vor 60 Jahren in seiner Gedenkrede zum zehnten Jahrestages des versuchten Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 eine geschichtswirksame Formel, unter deren Rubrum die „Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e.V.“ gemeinsam mit der Stiftung „20. Juli 1944“ und in Kooperation mit der Jakob-Kaiser-Stiftung vom 21. bis 23. Februar 2014 zu ihrer Jahrestagung im Tagungs- und Bildungshaus des Christlichen Jugenddorfwerkes (CJD) in Bonn einlud.

Unter der Losung „Das Vermächtnis ist noch in Wirksamkeit, die Verpflichtung noch nicht eingelöst.“ (Th. Heuss) - Der Widerstand gegen das ‚Dritte Reich‘ in Öffentlichkeit und Forschung seit 1945 waren in diesem Jahr wieder etwa 120 Veranstaltungsteilnehmer zusammengekommen. In vier thematisch getrennten Sektionen untersuchten die Tagungsbeiträge die bundesrepublikanische Rezeptionsgeschichte des Wider-standes gegen den Nationalsozialismus an Beispielen aus der Gedenk- und Populärkultur, Literatur und Film, der Bundeswehr sowie der juristischen Auseinandersetzung.

Nuberger 14Entlang eines Zusammengehens der Betrachtungsfelder von Widerstand im Nationalsozialismus und zeitgenössischer Rechtswissenschaft entfaltete ANGELIKA NUSSBERGER (Straßburg/Köln) in ihrem Abendvortrag eine „aktuelle Botschaft aus einem vergangenen Jahrhundert“. Insbesondere die Widerständler des 20. Juli 1944 hätten mit ihrem gewissenhaften „Nein“ zu Hitlerdeutschland Brücken errichtet, die durch das todesmutige Wagnis der Attentäter bis ins 21. Jahrhundert reichten. Wurden jene in der Bewertung der Nachkriegszeit noch als „Vaterlandsverräter“ bezeichnet, seien aus den Verschwörern mittlerweile erinnerungswerte Helden geworden. Heute seien „Nein-Sager“ hingegen weniger Helden, denn vielmehr mit umfangreichen Rechtsansprüchen ausgestattete Beschwerdeführer geworden; von dieser Transformation sei das Vermächtnis des historischen Widerstandes jedoch unberührt geblieben.

Kiener 14Eine andere Transformation, nämlich die der Bewertung des Widerstandes und des Widerstandsbegriffes innerhalb der wissenschaftlichen Diskussion, betrachtete MICHAEL KISSENER (Mainz) in seinem Vortrag von „punktuellen Dissonanzen, Schwarzschlächtern und aktivem Umsturz“ unter der schon von Dietrich Bonhoeffer gestellten Leitfrage: „Wer hält stand?“ Die frühe westdeutsche Forschung habe aufgrund ihrer Zeitaktualität nicht vor dem Problem der qualitativen Beschreibung des Widerstandes gestanden, die SBZ/DDR aus weltanschaulichen Gründen schnell eine einseitige Sinngebung gefunden und die bundesrepublikanische Forschung habe wiederum zunehmend in Begriffen, Gesellschafts- und Individualbetrachtungen, Hierarchien und Stufenmodellen zu differenzieren begonnen. In jüngerer Zeit gebe es hierzu zwar keine neuen Modellbeiträge mehr; dies sei wohl auch deshalb der Fall, da sich ein jeder solcher Versuch gut siebzig Jahre nach Ende des NS-Regimes in einem noch immer ideologisierten Diskurs den Vorwurf der politischen Nutzung des Themas gefallen lassen müsste. Kißener formulierte aber am Ende seines Vortrages dennoch den Wunsch, mit Hilfe eines noch zu konzeptionierenden Forschungsdesigns dieser politisierten Problematik entfliehen zu können.[1]

 

Kleine 14Der bundesrepublikanische Umgang mit dem Widerstand in der NS-Zeit sei ein „Zeitzeichen der Umerziehung“ gewesen. So sah es zumindest Otto Ernst Remer Anfang der 90er Jahre. Als Kommandeur des Berliner Wachbataillons „Großdeutschland“ war Remer am 20. Juli 1944 wesentlich an der Niederschlagung des Aufstandes um Stauffenberg beteiligt, konstatierte NILS KLEINE (Bonn) in seinem Vortrag. Nach 1945 fungierte Remer als Agitator der Sozialistischen Reichspartei (SRP) und bezeichnete 1951 die Attentäter des 20. Juli als „Landesverräter“, womit er einen Prozess auslöste, in dessen Verlauf die Deutungshoheit um die Bewertung des Widerstandes im Nachkriegsdeutschland vor Gericht prinzipiell ausgefochten wurde. So sei jener zu einer entscheidenden Wegmarke in der „Zweiten Geschichte des Nationalsozialismus“ geworden.[2]

 

Lier 14Am Beispiel des Einzelschicksals Cläre Fellgiebels stellte BARBARA LIER (Köln) die Auseinandersetzung zwischen Angehörigen und deutschem Staat in der Diskussion um Wiedergutmachung und die Akzeptanz des Verhaltens der Walküre-Verschwörer dar. General Erich Fellgiebel war maßgeblich an den Vorbereitungen zum Staatsstreich beteiligt und wurde dafür später in Plötzensee hingerichtet, seine Familie vom NS-Regime enteignet. Auch nach jahrelangen Bemühungen seiner Ehefrau Cläre und des „Hilfswerks 20. Juli 1944“ um Entschädigungszahlungen und eine andere Bewertung der Rolle ihres Mannes im Widerstand und dessen Bild in der Öffentlichkeit habe sich dieses Vorgehen in der frühen Bundesrepublik sehr schwierig gestaltet und stehe stellvertretend für das Schicksal vieler Witwen des 20. Juli

 

Klausa 14Ausgehend von der Frage „Warum gedenken wir?“ präsentierte EKKEHARD KLAUSA (Berlin) in seinem Vortrag die Berliner „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ sowie deren Aufgabenfelder, Aktionen und Ausstellungen samt ihrer Einbettung in die deutsche Gedenkstättenlandschaft.[3] Durch selektives Erinnern positiver Traditionen werde die Zusammengehörigkeit unseres Gemeinwesens gestärkt, hierbei spiele die Erinnerung an die Widerstandskämpfer im „Dritten Reich“ und die Gräueltaten der Nationalsozialisten eine wesentliche Rolle in der Arbeit der Widerstandsgedenkstätte.

 

Kretschmann 14DOMINIK KRETSCHMANN (Kreisau) stellte den Tagungsbesuchern ein kleines Dorf in Niederschlesien vor, das vor allem durch zwei Personen bekannt geworden ist: Den Generalfeldmarschall und Chef des preußischen Generalstabs Helmuth von Moltke und seinen Urgroßneffen Helmuth James von Moltke. Letzterer veranstaltete in Kreisau zwischen 1942 und 1943 drei größere Geheimtreffen von NS-Gegnern, auf denen über eine politische, soziale und wirtschaftliche Ordnung Deutschlands und Europas nach Hitler beraten wurde. Nach dem 20. Juli 1944 wurden viele Mitglieder des Kreisauer Kreises hingerichtet und Niederschlesien wurde nach dem Krieg ein Teil Polens. Heute begegneten sich auf dem Kreisauer Rasen Vergangenheit und Gegenwart. Das Erbe des Kreisauer Kreises wirkte in Deutschland wie in Polen bis heute weiter; am selben geschichtsträchtigen Ort wurden 1989 erste Schritte zur Gründung einer europäischen Stiftung und einer Begegnungsstätte in Kreisau eingeleitet. Während des Mauerfalls wurde die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung aus deutsch-polnischer Initiative gegründet: Auf dem früheren Gutsgelände der Moltkes wird heute eine Tagungsstätte betrieben, im Kreisauer Schloss und im Berghaus ist eine Gedenkstätte für den deutschen und osteuropäischen Widerstand gegen die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts eingerichtet worden. [4]

 

Heinemann 14Der Vortrag von WINFRIED HEINEMANN (Potsdam) brachte den Zuhörern den Umgang der Bundeswehr mit dem Thema „Widerstand“ näher. Hier standen die Attentäter des 20. Juli selbstverständlich als Teil des militärischen Widerstands im Traditionsverständnis von Deutschlands modernen Streitkräften im Vordergrund. Zu Anfang wies Heinemann auf die Entwicklung der wissenschaftlichen Betrachtung des Hitlerattentats hin. Dabei stellte er heraus, dass erst in den 1960er Jahren eine wirklich detaillierte, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik begonnen habe. Zuvor legten Bundeswehr, Wissenschaft und Gesellschaft den Fokus auf die Würdigung der Attentäter. Gleichzeitig betonte er den zu dieser Zeit vorherrschenden Diskurs, der vornehmlich durch die Memoiren ehemaliger Wehrmachtsgeneräle geprägt gewesen sei. Weiterhin betrachtete er die 1990er Jahre im Sinne der militärgeschichtlichen Forschung, die die personelle Entwicklung der Bundeswehr seit ihrer Gründung, den Umgang der frühen Bundeswehr mit dem Widerstand (wie etwa die Benennung von Kasernen nach Widerständlern) und die Traditionsbildung innerhalb der Dienstgrade umfasse. Heinemann kam zu dem Schluss, dass die Bundeswehr der Zivilgesellschaft in den fünfziger Jahren um manches voraus gewesen sei – hier sei der Widerstand zuerst als eine Traditionslinie im positiven Sinne angesehen worden.

 

Runge 14MIRIAM RUNGE (Oldenburg) bereicherte die historischen Vorträge um eine Untersuchung des Themas Widerstand in der Literatur. Sie spannte einen Bogen von Jan Petersens Roman „Unsere Straße“, der bereits Mitte der 1930er Jahre publiziert wurde, bis hin zum monumentalen Roman „Wer wir sind“ von Sabine Friedrich, der im Herbst 2012 erschien. In dem von der Referentin zusammengestellten Korpus der westdeutschen „Widerstandsliteratur“ zwischen 1945 und 1989 dominiert das Erzählen zur diskursiven Rehabilitation von Gemeinschaft, vor allem im Sinne einer Restauration der Nation. Zentral für die Rehabilitation der nationalen Gemeinschaft sei die Inszenierung des Widerstands als nationaler Befreiungskampf. Ausgehend von der These Jan Eckels[5] vom Ungültigwerden bisheriger gemeinschafts- und identitätsstiftender Geschichtskonstrukte, habe es ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Orientierung gegeben. Abschließend gab die Referentin einen Ausblick auf aktuelle Widerstandsliteratur; diese ließen sich als Erinnerungs- oder auch Generationenromane beschreiben, die nicht nur den Widerstand als solchen, sondern auch die Erinnerung daran thematisierten.[6]

 

Kensche 14In dem die Tagung beschließenden Vortrag ging CHRISTINE KENSCHE (Jerusalem/Berlin) auf die filmische Darstellung des 20. Juli 1944 ein. In einem chronologischen Überblick stellte sie die Veränderung der Perspektive auf die Attentäter von eidbrüchigen „Einsamen Helden“ hin zum „gute[n], spannender[n] Filmstoff“ für einen Thriller dar. 1955 entstanden unter der Regie von Harnack („Der 20. Juli“) und Pabst („Es geschah am 20. Juli“) die ersten Filme, die einen Rechtfertigungscharakter besaßen und gegen das immer noch existente Propagandabild der Wochenschau ankämpften. Aus heutiger Sicht wirken die Widerständler in den frühen Filmen geradezu familienlos und eigenbrötlerisch, ein Zugeständnis der Filmemacher an Überlebende und Hinterbliebene. Mit Operation Walküre erschien 1971 ein „Doku-Drama“, das ein für allemal das „Odium der ‚Verräter‘ von den Männern des 20. Juli zu nehmen versuchte“. Jo Baiers „Stauffenberg“ von 2004 habe eine moralische Komponente enthalten, die ein Lehrbeispiel für Heldenmut und Opferbereitschaft habe sein sollen. Mit Bryan Singers „Valkyrie“ aus dem Jahr 2008 sei ein Film entstanden, der nicht vom „deutschen Erbe“ belastet gewesen sei, was den historischen Stoff schließlich in einen „packenden Thriller“ verwandelt habe.

 

Die Rezeption des Widerstandes gegen das „Dritte Reich" in Öffentlichkeit und Forschung hat die Beschäftigung mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus seit Kriegsende stetig begleitet und bis heute vielfältig beeinflusst. Die Beiträge der XXVII. Königswinterer Tagung der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 haben einige lohnenswerte Zugriffe zum Thema deutlich machen können. Außerdem haben diese herausgestellt, dass weder eine öffentliche noch eine akademische Beschäftigung mit dem Widerstand und seiner Rezeptionsgeschichte Auseinandersetzungen etwa um das Erinnern an den 20. Juli oder Diskussionen um den Widerstandsbegriffe für beendet erklären darf – denn auch und gerade in neuerer Zeit birgt die Geschichte des Widerstandes und ihr fortwirkendes Vermächtnis neue und gewinnbringende Perspektiven, die in Angriff genommen werden sollten.

 

Konferenzübersicht:

Angelika Nußberger (Straßburg/Köln): Der deutsche Widerstand im Nationalsozialismus – eine aktuelle Botschaft aus einem vergangenen Jahrhundert

Sektion I Widerstandsrezeption im bundesrepublikanischen Kontext

Michael Kißener (Mainz): Von punktuellen Dissonanzen, Schwarzschlächtern und aktivem Umsturz – Der Widerstandsbegriff im Wandel der Zeit

Nils Kleine (Bonn): Der geschichtspolitische Ort des 20. Juli 1944 in der Frühphase der Bundesrepublik Deutschland. Fallbeispiel Remer-Prozess

Barbara Lier (Köln): „die allerdringlichsten Nöte abzumildern…“ Der Kampf um eine Widergutmachung. Fallbeispiel Cläre Fellgiebel

Sektion II Widerstandsrezeptionen in der Gedenkstättenarbeit

Ekkehard Klausa (Berlin): Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin

Dominik Kretschmann (Kreisau): Die Gedenkstätte für Widerstand und Opposition in Kreisau/Krzyzowa

Sektion III Widerstandsrezeption in Institutionen

Winfried Heinemann (Potsdam): Der Widerstand gegen das NS-Regime im Traditionsverständnis der Bundeswehr

Sektion IV Widerstand in der Populärkultur

Miriam Runge (Oldenburg): Zwischen Etablierung von Gemeinschaft und Emanzipation des Einzelnen - Literarische Widerstandsdarstellung in (West)Deutschland (1945-1989)

Christine Kensche (Jerusalem/Berlin): Der 20. Juli 1944 im Spielfilm


Anmerkungen:

[1] Vgl. hierzu Kißener, Michael: Ist ‚Widerstand‘ nicht ‚das richtige Wort`?, in: Hummel, Karl-Joseph/ Kißener, Michael (Hgg.): Die Katholiken und das Dritte Reich. Kontroversen und Debatten. Zweite, durchgesehene Auflage. Paderborn u.a. 2010, S. 167-178. 

[2] Vgl. zum Begriff Reichel, Peter/ Schmid, Harald/ Steinbach, Peter (Hgg.): Der Nationalsozialismus - die zweite Geschichte. Überwindung - Deutung - Erinnerung. München 2009.

[3] Vgl. http://www.gdw-berlin.de/index.php (abgerufen am 15. März 2014)

[4] Vgl. http://www.kreisau.de/kreisau-initiative.html (abgerufen am 15. März 2014)

[5] Vgl. Eckel, Jan/Moyn, Samuel (Hgg.): Moral für die Welt? Menschenrechtspolitik in den 1970er Jahren. Göttingen 2012, S. 22-67.

[6] Ein Beispiel hierfür ist Sobo Swobodniks Roman „Fallers Held“, dessen Protagonist eine Dissertation über Georg Elser schreibt. Aber auch Friedrich Christian Delius Roman „Mein Jahr als Mörder“, dessen Hauptfigur mit Recherchen über den Widerstand der Gruppe „Europäische Union“ um Robert Havemann und Georg Groscurth beginnt.